SFR


Zur aktuellen Situation von
Familie Celik in Ostanatolien (Türkei)

Zur Abschiebung

Am 5. September 2002 wurde Familie Celik, die 10 Jahre im Ortsteil Gerlfangen der Gemeinde Rehlingen-Siersburg gelebt hatte, in einer dramatischen Aktion zwischen 4 und 5 Uhr morgens abgeführt und nach Frankfurt zum Flug nach Ankara verbracht.

Die anwesenden Freunde, Nachbarn und  Bekannten der Familie waren entsetzt über diese unerwartete Demonstration polizeilicher Macht des Staates im frühen Morgengrauen.

Das Vergehen der Familie bestand in einer Namensfälschung und der Beschaffung falscher Personalpapiere, weil die Mutter, die gerade zum zweiten Mal schwanger war, der Weisung der Ausländerbehörde nicht folgen wollte, in eines der neuen Bundesländer umzusiedeln, in denen zu Beginn der 90er-Jahre schockierende Übergriffe gegenüber Ausländern vorgekommen waren.

Denn sie war als 16-Jährige bereits im türkisch-kurdischen Bürgerkrieg  gefoltert worden, weil ihr Vater aufständische Kurden bewirtet hatte, deren Namen die Folterer von ihr erfahren wollten.

Die Bekanntgabe der Folterung in den Asylverfahren unterblieb, weil erstens der Dolmetscher (!) Frau Celik in der ersten Anhörung vor Gericht  anherrschte, „dies (die Folterung) gehöre nicht hierher“ und zweitens der erste Anwalt der Familie es leider versäumt hatte, die Folterung aktenkundig zu machen.

Die Namensfälschung der Celiks ist juristisch zwar nicht vertretbar, für uns aber angesichts der erlittenen Folterung menschlich verständlich.

Zum Hintergrund des Protestes und Engagements der Bevölkerung von Gerlfangen

Das Schlimme an dieser Abschiebung war nicht nur die Art und Weise der Polizeiaktion, sondern vor allem die Tatsache, dass die Kinder alle bis auf Mesut, den Ältesten, in Deutschland geboren sind. Und Mesut fing gerade erst zu sprechen an, als er zweijährig nach Deutschland kam.

Große Teile der Bevölkerung des Dorfes Gerlfangen, in dem die Familie 10 Jahre gelebt hat, und nicht nur die oft gescholtenen Unterstützer sind auch nach nunmehr zwei Jahren entsetzt und erbost und hören auch heute noch nicht auf, ihren Protest zu artikulieren:

Die Abschiebung traf vor allem die Kinder.

Vier schuldlose Kinder, von denen drei in Deutschland geboren sind, zahlen für den Fehltritt ihres Vaters einen hohen Preis:

Sie wurden entwurzelt und leben als Fremde in einem Land, das ihnen fremd ist, weil sie nie dort gelebt haben, dessen Amtssprache (Türkisch) sie nicht sprechen, in dessen Schulen sie dem Unterricht deshalb nicht folgen können. Sie sind der Kultur beraubt worden, auf deren Erwerb deutsche Politiker bei Ausländern so großen Wert legen. Sie sind traumatisiert worden und werden an den Folgen ihres erlittenen Lebensrisses dauerhaft leiden müssen.

Dazu die Innenministerin: Sie habe nach Recht und Gesetz gehandelt, dazu habe es keine Alternative gegeben.

Die Menschen – auch von außerhalb des Dorfes – haben sich für die kurdische Familie und ihren Verbleib eingesetzt und wünschen sich auch heute noch ihre Rückkehr. Denn:

  • sie haben eine ausländische Familie kennen und schätzen gelernt,
  • sie als sympathisch und liebenswert erlebt,
  • mit ihr in Freundschaft und Gemeinschaft das alltägliche Leben, seine Sorgen und Nöte, aber auch seine Freuden geteilt.

Zur Frage der Kosten eines 10-jährigen Asylaufenthaltes

Das Innenministerium hat der “Welt am Sonntag“ die Summe von 210.000 EUR genannt, die das Sozialamt Rehlingen-Siersburg in 10 Jahren habe aufbringen müssen.

Asylbewerber erhalten jedoch grundsätzlich keine Arbeitserlaubnis. Die Unterstützer hatten Herrn Celik zweimal eine Arbeitsstelle vermittelt. Die Arbeitsaufnahme scheiterte am Verbot des Arbeitsamtes.

Weiterhin wurde mit keinem Wort erwähnt, dass Herr Celik täglich ca. fünf Stunden im Dienst der Gemeinde Rehlingen-Siersburg den Hausmeister der Siersburger Grundschule tatkräftig unterstützte. Bei einem Hilfsarbeiter-Stundenlohn von 10 EUR entspräche Herrn Celiks Arbeitsleistung bei 20 Arbeitstagen im Monat einem Gegenwert von 1.000 EUR pro Monat.

Für den Verbleib der Familie haben wir, die Unterstützer, uns zusammen mit anderen Bürgern aus Gerlfangen und umliegenden Ortschaften beim Innenministerium eingesetzt – vergebens

Zuletzt im Januar 2003 haben wir darum gebeten, den beiden ältesten Söhnen die Rückkehr nach Deutschland zu gestatten, damit sie ihre Schul- und Berufsausbildung  beenden bzw. anfangen könnten.

Der Antrag wurde abgelehnt.

Die Bevölkerung des Dorfes hat die Familie seit der Abschiebung im September 2002 durch ihre Spenden unterstützt.

Dies war und ist lebensrettend, weil die Familie  kein Einkommen, keine staatliche Unterstützung und, wie wir erst jetzt an Ostern erfuhren, auch keine Unterstützung durch die Verwandtschaft in Nusaybin hatte. Lediglich der in Paris lebende Bruder von Frau Celik lässt die Familie seit kurzem mietfrei in seinem Haus wohnen. Als Gegenleistung renoviert und modernisiert Herr Celik das Haus.

Bereits im Oktober 2002 haben die Freunde M. Maas und B. Braun,  im Oktober 2003 M. Maas, Walter Hermann und G. Bies sowie an Ostern 2004 A. und G. Bies und Walter Hermann die Familie in  Südostanatolien besucht, um ihre Lebensverhältnisse kennen zu lernen.

Vor Ort konnten wir uns nun überzeugen, dass Frau und Herr Celik mit unseren Spendengeldern zwar äußerst sparsam haushalten, die Existenzsorgen der Familie mit Blick auf die Zukunft aber weiterhin groß sind.

Denn Herr Celik hat in zwei Jahren - bis auf einen einmaligen Gelegenheitsjob für zwei Tage - keine Arbeit gefunden, bei 90 Prozent Arbeitslosigkeit in dieser Gegend  der Türkei eigentlich kein Wunder!

Belegt wird die 90 % von  IPPNW, den "Internationalen Ärzten gegen den Atomkrieg", die Südostanatolien regelmäßig bereisen, um die Einhaltung der Menschenrechte und die soziale Entwicklung zu beobachten.

In Nusaybin, einer Stadt mit 65.00 Einwohnern und Wohnort der Familie, gibt es viele Flüchtlinge, und zwar Kurden, die vom türkischen Militär in den Zeiten des Bürgerkrieges aus ihren Dörfern vertrieben worden sind. Sie hatten nur das, was sie am Leib trugen, als sie in der Stadt ankamen. Die Rückkehr und der Wiederaufbau ihrer Dörfer ist ihnen (noch?) nicht erlaubt und auch nicht möglich, weil die Dörfer vom Militär vermint wurden.

Die Vertreibung der Bewohner aus ihren Dörfern war übrigens für das junge Ehepaar Celik vor 13 Jahren das Motiv für seine Flucht nach Deutschland und die Begründung für den Asylantrag.

In Nusaybin ist derzeit keine Anstellung in handwerklichen, Industrie- oder Dienstleistungsbetrieben zu finden. Zum einen, weil dieser kurdischen Region jahrelang durch die türkische Regierung jegliche Förderung vorenthalten wurde, zum anderen, weil Städte wie diese eben viele Flüchtlinge aus den Dörfern aufgenommen haben.

Bisher konnten wir die Familie mit 300 EUR im Monat unterstützen. Inzwischen aber schmilzt der Vorrat an Spendengeldern zusammen und wir sorgen uns darum, wie es im kommenden Jahr weiter gehen wird.





© 2005 by Saarländischer Flüchtlingsrat e.V.